Schüsse in der
Nacht –
Der Mord an
Steffen Thüm in der Leopoldstraße 1992
Wir schreiben das Jahr 1992. In den schon zu DDR-Zeiten
für den Abriss freigegebenen, leer stehenden Häusern entlang der Bornaischen
Straße war neues Leben eingezogen: Junges und wildes Leben, welches nach der
neu gewonnenen Freiheit lechzte und sie in vollen Zügen auslebte.
Die letzten Montagsdemonstrationen waren lange vorbei,
doch ihre zusehends kahlköpfigen, mit schwarz-rot-goldenen Fahnen bewaffneten
Ringmarschierer hatten tiefe Spuren und Wunden hinterlassen. Wunden, die sich
die Hausbewohner in der Stö, Ernesti- und Leopoldstraße immer häufiger
verbinden lassen mussten. Oft bogen zu nächtlicher Stunde voll beladene
Fahrzeuge in die Straßen der besetzten Häuser und spuckten Nazihorden aus, die
auf alles eindroschen, was sich bewegte. Die alternativen Hausbesetzer wehrten
sich, verrammelten die Türen, stiegen auf die Dächer und schlugen die Angreifer
in die Flucht. Jetzt hießen sie Autonome und versteckten sich nicht mehr
vor den stolzen Deutschen, sondern traten ihnen entgegen und jagten sie aus dem
Viertel. In Connewitz konnte man alles sein: Nur kein Nazi.
Doch in jedem Stadtteil gibt es auch faule Eier. Im Sog
der Freiheit und im schützenden Schoß der alternativen Nachbarn verwechselten
eine Hand voll Crashkids, was Unrecht und Freiheit ist und zogen zu
spontanen Autodiebstählen in die Nacht. Im Rausch ließen sie ihre verbeulte
Beute zuweilen sogar vor dem eigenen Haus in der Leo 9 stehen und bekamen bald
Ärger, nicht nur mit der Polizei und den korrekten Kiezbewohnern, sondern auch
mit Mafiagrößen. Aus Angst vor Besuchen bewaffneter Schläger und weil der
Beistand der Szene bröckelte, schworen die Crashkids der Kleptomanie ab, nur
einer konnte die Finger nicht von wertvollen Westautos lassen und schloss einen
51.000 DM teuren Mazda Xedos 6 kurz.
Am 22. Dezember führt er seinen Kumpels stolz die
Westkarre vor und lädt sie zu einer Spritztour ein. Dazu kommt es jedoch nicht,
denn der Besitzer hat sich mit seinem Schwiegersohn, der als Türsteher in der
Rotlichtszene arbeitet und Zugang zu Waffen besitzt, brutale Verstärkung
geholt. Der Autoknacker kann entkommen, sein Kollege allerdings wird in den
Kofferraum gestopft und gibt den Wohnort des befreundeten Straftäters preis.
Was nun folgt, ist ein Mysterium: Obwohl der Mazda unversehrt in die Obhut
seines Besitzers - einem Gelehrten der Universität Leipzig ! - zurückgegangen
ist, sucht der Professor samt Türsteherkollegen den Täter in der Nacht vom 22.
zum 23. Dezember in der Leopoldstraße 9 auf und verdrischt ihn. Der Autodieb
kann sich losreißen und entkommt erneut; flüchtet in Panik über das Dach ins
nahe gelegene Atelierhaus Zoro, wo eine Hand voll Jugendliche beim Bier sitzen
und löst mit den Worten: „Die Leo wird überfallen!“ Faschoalarm aus.
Eigentlich sollte man annehmen, Professor & Co. wären
inzwischen zur Vernunft gekommen und würden es bei der Abreibung belassen. Doch
das Gegenteil ist der Fall und lässt vermuten, dass es nicht nur um den
geklauten Mazda ging, sondern etwas in dem Auto gewesen sein musste, was sie
zurück haben wollten. Denn sie wenden ihr Auto und fahren in die Richtung, in
die der Gesuchte geflüchtet ist. Sechs Leute machen sich unterdessen vom Zoro
auf den Weg in die Leo, wollen den Crashkids helfen und denken gar nicht daran,
dass man sie belogen haben könnte.
Das Auto fährt ohne Licht auf sie zu, die Helfer
verharren, besinnen sich bei den Worten: „Passt auf, die schießen auch!“ eines
Besseren und wollen umkehren. In diesem Moment fallen fünf gezielte Schüsse und
treffen einen von ihnen in Brust und Rücken: Steffen Thüm. Der 21jährige sah
dem Autodieb in dieser Nacht mit seinen blonden Haaren und dem weißen T-Shirt
zum Verwechseln ähnlich. Wollte man an dem Crashkid ein Exempel statuieren oder
sich für geklaute Drogen rächen? Es wurde nie geklärt.
Thümi liegt seit seiner Beerdigung am 22. Januar 1993 auf
dem Connewitzer Friedhof. Am Grundstück Leopoldstraße 29 bringen wir
eine Gedenktafel an, auf der steht: Wir werden Dich nie vergessen! Manche
Narben verheilen eben nicht. Er ging in die Nacht um den Bewohnern der Leo zu
helfen. Denn in Connewitz kann man alles sein: Nur kein Nazi.