Benefiz zur Finanzierung einer Gedenktafel für Steffen Thüm am 29. Mai 2009 im UT Connewitz
Sie wurde am Haus Leopoldstraße 29 in Leipzig-Connewitz angebracht. Das ist der Ort, wo die tödlichen Schüsse auf Thümi in der Nacht zum 23. Dezember 1992 abgefeuert wurden. Sein Mörder wurde für diese Tat nicht verurteilt.



Schüsse in der Nacht –
Der Mord an Steffen Thüm in der Leopoldstraße 1992


Wir schreiben das Jahr 1992. In den schon zu DDR-Zeiten für den Abriss freigegebenen, leer stehenden Häusern entlang der Bornaischen Straße war neues Leben eingezogen: Junges und wildes Leben, welches nach der neu gewonnenen Freiheit lechzte und sie in vollen Zügen auslebte.

Die letzten Montagsdemonstrationen waren lange vorbei, doch ihre zusehends kahlköpfigen, mit schwarz-rot-goldenen Fahnen bewaffneten Ringmarschierer hatten tiefe Spuren und Wunden hinterlassen. Wunden, die sich die Hausbewohner in der Stö, Ernesti- und Leopoldstraße immer häufiger verbinden lassen mussten. Oft bogen zu nächtlicher Stunde voll beladene Fahrzeuge in die Straßen der besetzten Häuser und spuckten Nazihorden aus, die auf alles eindroschen, was sich bewegte. Die alternativen Hausbesetzer wehrten sich, verrammelten die Türen, stiegen auf die Dächer und schlugen die Angreifer in die Flucht. Jetzt hießen sie Autonome und versteckten sich nicht mehr vor den stolzen Deutschen, sondern traten ihnen entgegen und jagten sie aus dem Viertel. In Connewitz konnte man alles sein: Nur kein Nazi.

Doch in jedem Stadtteil gibt es auch faule Eier. Im Sog der Freiheit und im schützenden Schoß der alternativen Nachbarn verwechselten eine Hand voll Crashkids, was Unrecht und Freiheit ist und zogen zu spontanen Autodiebstählen in die Nacht. Im Rausch ließen sie ihre verbeulte Beute zuweilen sogar vor dem eigenen Haus in der Leo 9 stehen und bekamen bald Ärger, nicht nur mit der Polizei und den korrekten Kiezbewohnern, sondern auch mit Mafiagrößen. Aus Angst vor Besuchen bewaffneter Schläger und weil der Beistand der Szene bröckelte, schworen die Crashkids der Kleptomanie ab, nur einer konnte die Finger nicht von wertvollen Westautos lassen und schloss einen 51.000 DM teuren Mazda Xedos 6 kurz.

Am 22. Dezember führt er seinen Kumpels stolz die Westkarre vor und lädt sie zu einer Spritztour ein. Dazu kommt es jedoch nicht, denn der Besitzer hat sich mit seinem Schwiegersohn, der als Türsteher in der Rotlichtszene arbeitet und Zugang zu Waffen besitzt, brutale Verstärkung geholt. Der Autoknacker kann entkommen, sein Kollege allerdings wird in den Kofferraum gestopft und gibt den Wohnort des befreundeten Straftäters preis. Was nun folgt, ist ein Mysterium: Obwohl der Mazda unversehrt in die Obhut seines Besitzers - einem Gelehrten der Universität Leipzig ! - zurückgegangen ist, sucht der Professor samt Türsteherkollegen den Täter in der Nacht vom 22. zum 23. Dezember in der Leopoldstraße 9 auf und verdrischt ihn. Der Autodieb kann sich losreißen und entkommt erneut; flüchtet in Panik über das Dach ins nahe gelegene Atelierhaus Zoro, wo eine Hand voll Jugendliche beim Bier sitzen und löst mit den Worten: „Die Leo wird überfallen!“ Faschoalarm aus.

Eigentlich sollte man annehmen, Professor & Co. wären inzwischen zur Vernunft gekommen und würden es bei der Abreibung belassen. Doch das Gegenteil ist der Fall und lässt vermuten, dass es nicht nur um den geklauten Mazda ging, sondern etwas in dem Auto gewesen sein musste, was sie zurück haben wollten. Denn sie wenden ihr Auto und fahren in die Richtung, in die der Gesuchte geflüchtet ist. Sechs Leute machen sich unterdessen vom Zoro auf den Weg in die Leo, wollen den Crashkids helfen und denken gar nicht daran, dass man sie belogen haben könnte.

Das Auto fährt ohne Licht auf sie zu, die Helfer verharren, besinnen sich bei den Worten: „Passt auf, die schießen auch!“ eines Besseren und wollen umkehren. In diesem Moment fallen fünf gezielte Schüsse und treffen einen von ihnen in Brust und Rücken: Steffen Thüm. Der 21jährige sah dem Autodieb in dieser Nacht mit seinen blonden Haaren und dem weißen T-Shirt zum Verwechseln ähnlich. Wollte man an dem Crashkid ein Exempel statuieren oder sich für geklaute Drogen rächen? Es wurde nie geklärt.

Thümi liegt seit seiner Beerdigung am 22. Januar 1993 auf dem Connewitzer Friedhof. Am Grundstück Leopoldstraße 29 bringen wir eine Gedenktafel an, auf der steht: Wir werden Dich nie vergessen! Manche Narben verheilen eben nicht. Er ging in die Nacht um den Bewohnern der Leo zu helfen. Denn in Connewitz kann man alles sein: Nur kein Nazi.