Die nächsten Tage nutzte
Steingrim, um die erste Connewitzer Hanfmesse vorzubereiten. Mehrere
Niederländische Vertriebsfirmen für Marihuanaprodukte wollten den zukünftigen
Betreibern von Coffeeshops ihre Produkte vorstellen und erste Geschäftsbeziehungen
knüpfen. Sie hatten sich mit Steingrim in Verbindung gesetzt und nach
geeigneten Lokalitäten gefragt. Letztendlich hatte man sich aufgrund der
Räumlichkeiten und der zentralen Lage für das UT Connewitz entschieden.
Connewitz gehörte zwar pro forma noch zu Deutschland, wo Marihuanaprodukte
verboten waren, allerdings hatten sich die Gesetzeshüter schon vor Wochen aus
dem Stadtteil zurück gezogen. Damit war der Weg für die Hanfmesse frei.
Mit Hilfe einer saftigen
finanziellen Spritze aus Holland konnte das UT Connewitz in drei Wochen
harter Arbeit saniert und modernisiert werden. Das Dach war neu gedeckt und die
Inneneinrichtung ähnelte der Originalausstattung von 1900 bis ins kleinste
Detail. Sogar Experten des Denkmalsschutzes hatten mit Hand angelegt und die
Einrichtung detailgetreu nachgebildet. Nach mehreren Jahrzehnten des
Dahindämmerns war das UT wieder eine Perle geworden.
Die Besucher strömten in Scharen
zum schillernden Lichtspielhaus. Am Eingang bildeten sich lange Schlangen, die
bis um die Ecke in die Selnecker Straße reichten. Vor dem UT Connewitz
parkten verschiedene Luxuslimousinen mit exotischen Kennzeichen, darunter ein
brauner Bentley, drei Ferrari und ein weißer Lamborghini.
Im Inneren hatten Vertreter
verschiedener Marihuanaproduzenten Stände errichtet, auf denen sie Proben
anboten. Auf Steingrims Drängen hin konnten auch Händler aus entfernten
Erdteilen bei der Hanfmesse mitwirken. Gleich am Eingang befand sich der
Stand eines kleinen Marokkanischen Familienbetriebes. Auf der weißen Tischdecke
standen geschnitzte Holztellerchen mit wunderschönen Verzierungen, die
afrikanische Riten symbolisierten. Auf den Tellern lagen kleine Würfel
reinsten, dunklen Haschischs. Die Familienmitglieder hatten in die Würfel
winzige Muster gekerbt. „Das ist fast zu Schade, um es zu rauchen!“ sagte
Steingrim zu Daniel. Beide standen fasziniert um die Teller und bestaunten die
Würfel.
„Eh, kommt mal rüber!“ hörten sie
Thomas rufen und drehten sich um. Thomas stand an einem Tisch in der Mitte des
Raumes und winkte ihnen herüber. Steingrim lächelte die Marokkanerin an und
nickte ihr anerkennend zu. Dann gingen sie zu Thomas. „Guckt Euch mal das hier
an!“ sagte er freudestrahlend. Steingrim erblickte ein silbernes Tablett in der
Mitte des Tischs. Um das Tablett lagen exotische Blumen und bildeten ein buntes
Muster. Auf dem Tablett hatten die Aussteller verschiedene Sorten Cannabis
ausgebreitet. Die Blüten schillerten in den schönsten Farben. Den äußeren Rand
bildeten dunkle, lilafarbene Blüten,
einen Kreis weiter innen hatte man hellrote Blüten aufgereiht, als nächstes
kamen grüne Blüten und im Zentrum lag ein tellergroßes Stück Schwarzer
Afghane, das man zu einer Rose modelliert hatte. Die äußeren Ränder der
schwarzen Blütenblätter waren mit hellem Pollenstaub benetzt und schillerten
unter der Licht des Scheinwerfers fantastisch. Im Inneren der Rose lag eine
purpurfarbene Kugel. „Das ist die Perle des Orients.“ erklärte der Inhaber des
Standes stolz. „Sie darf nur von Jungfrauen geformt werden!“
Er sprach mit starkem Akzent. Der
Mann trug einen dunkelroten Turban über dem schwarzen Haar und einen langen
Vollbart im Gesicht. Sein Körper steckte in einem weißen Talar. Neben ihm stand
ein bildhübsches Mädchen mit langen schwarzen Haaren, die zu einem Zopf
geflochten waren. Sie trug ein mit goldener Seide besetztes Kleid, an dessen
Ärmeln weiße Perlen hingen. Das Mädchen war um die sechzehn Jahre alt und
lächelte die drei Freunde mit strahlend weißen Zähnen an. „Ich rolle die Kugeln
des Schwarzen Afghanen so lange in den Händen, bis sie sehr weich sind.“
sagte das Mädchen. „Dann bette ich sie in den Pollen des Roten Libanesen,
bis sie von allen Seiten beschichtet sind.“
„Das ist ja wie beim
Schnitzelmachen...“ sagte Daniel und erntete fragende Blicke.
„Wie meinst Du das?“ fragte ihn
Thomas.
„Na, da wird doch das Fleisch
auch in Mehl gewälzt, bis es überall weiß ist.“ antwortete er.
„Ach so.“ sagte Thomas und
blickte wieder zu dem Mädchen.
„Als nächstes lasse ich die
Kugeln einen Tag in der Sonne liegen.“ sprach sie weiter. „Dadurch verbinden
sich die Seelen des Haschischs.“
„Machst Du das alles selber?“
fragte Steingrim.
„Ja“ antwortete sie. „Mein Vater
besorgt das Material.“
„Dann hätte ich gern eine Perle!“
sagte Thomas und blickte dem Mädchen verliebt in die haselnussbraunen Augen.
„Und wie geht es weiter?“ mischte
sich Steingrim ein.
„Nach einem Tag, wenn sich die
Seelen ausgetauscht haben, massiere ich den Pollen in die Kugel ein.“
Inzwischen hatte sich eine Traube
neugieriger Besucher um den Stand versammelt, die ihre Hälse reckten und dem
Mädchen beeindruckt lauschten.
„Wie heißt Du eigentlich?“ wollte Daniel wissen.
„Das ist meine Tochter Nuray.“
schritt der Vater ein.
„Das bedeutet Mondlicht.“
ergänzte das Mädchen und lächelte.
„Meine Vorfahren stammen
ursprünglich aus Sansibar, wir leben aber wie Nomaden und ziehen auf der Suche
nach gutem Haschisch und Marihuana umher.“ erklärte sie weiter.
„Wie viele Schichten hat die
Perle des Orients eigentlich?“ wollte Steingrim wissen.
„Es sind vier Schichten. Wenn
sich der Pollen mit dem Afghanen vermengt hat, wird die Kugel in
Zauberhonig getaucht.“ antwortete sie. Alle schauten das Mädchen erstaunt an.
Darüber musste sie herzhaft lachen. Auch ihr Vater begann zu schmunzeln.
„Was denn für Zauberhonig?“ fragte
Thomas.
„Was wir Zauberhonig nennen, kann
man sich als flüssiges Haschischkaramell vorstellen. Dazu nehmen wir Pollen der
saftigsten Pflanzen aus dem Bekaa-Tal, machen sie flüssig und tauchen die
Kugeln hinein.“
„Erinnert mich an kandierte
Schokoäpfel vom Weihnachtsmarkt.“ stellte Steingrim fest.
„Stimmt.“ gab sie ihm Recht.
„Sag mal, wer kann sich denn so
etwas überhaupt leisten?“ fragte Daniel. Jetzt ergriff der Vater das Wort:
„Unsere Kunden stammen aus den höheren Schichten. Wir liefern viel nach Hollywood,
London, Mailand, New York...“
„Da dürfte Connewitz als
Absatzgebiet aber nicht in Frage kommen.“ stellte Steingrim fest.
„Was würde diese Perle
denn kosten?“ fragte Thomas. Er hätte zu gern davon probiert.
„Der Preis ist Verhandlungssache,
aber ein Kleinwagen ist sie schon wert.“ sagte der Vater.
„Na dann viel Erfolg.“ bemerkte
Steingrim und drehte sich zum Gehen.
„Alles Gute!“ sagte Thomas.
„Ich wünsche Euch viel Glück!“
verabschiedete sich auch Daniel und schenkte dem Mädchen einen letzten, verliebten
Blick.
Einige Meter weiter links stand
ein Pakistani hinter einem Tisch und lächelte die drei Freunde einladend an.
Auf der gestickten grünen Decke mit einem weißen Halbmond und einem Stern
darüber lagen dunkle, runde Haschischstücke. Sie sahen aus wie Pucks beim
Eishokey. Auf der Oberfläche waren Stempelabdrücke sichtbar. Steingrim
versuchte vergeblich die orientalischen Schriftzeichen zu entziffern. „Was
bedeutet denn der Stempel?“ fragte er den Mann.
„Bedeutet aller erste Qualität!
Sehr gut!“ antwortete der.
„Und woher stammen die?“ fragte
Thomas.
„Von Peshawar, einem Stamm
am Khaiberpass.“
„Das liegt doch im Hindukush
zwischen Afghanistan und Pakistan, stimmts?“ sagte Thomas. „Davon habe ich
schon viel gehört.“
„Stimmt.“ gab ihm der Pakistani
Recht. „Dort nur bekommen bestes Haschisch der Welt!“
Thomas drehte sich zu Steingrim
und sagte: „Das ist wirklich das reinste Gold! Die haben drei unterschiedliche
Qualitätsstufen. Die Beste ist unbezahlbar!“
„Und wieso?“
„Die Afridi – so nennen
sich die Bewohner des Peshawartals - schneiden die ersten Spitzen der
Pflanzen ab, zerstückeln sie, wickeln das ganze in Ziegenhäute und vergraben
es. Nach einiger Zeit legen sie das gehackte Cannabis in große Pfannen, die
über einem Feuer erhitzt werden. Dann lassen sie riesige, tonnenschwere
Steinkugeln auf die Blüten nieder sausen und ein brauner, dicker Brei entsteht.
Durch die Hitze wird der Brei schön flüssig und in Holzformen gegossen.“
„Und das hier sind dann die
fertigen Dinger?“ fragte Daniel.
„Das bestes Haschisch!“ sagte der
Pakistani stolz und ließ seine weißen Zähne aufblitzen. „Beste Qualität von
ersten Blüten sein 100mal teurer als Haschisch von dritter Blüte.“
„Aha.“ sagte Steingrim
beeindruckt.
„Und am Ende kommen die Stempel
drauf.“
Sie gelangten an den Stand eines
Niederländischen Großhändlers aus Eindhoven.
„Endlich mal normales Gras!“
sagte Thomas.
Der Inhaber hatte zwei
getrocknete Pflanzen an einen Mikrofonständer gebunden. Sie dufteten herrlich.
„Nehmt Euch reichlich!“ rief er. „Ich habe noch mehr davon.“
Thomas brach sich eine Blüte ab,
hielt sie sich unter die Nase und sagte:
„Fetter Skunk!“
„Du könntest ja mal einen bauen!“
schlug Steingrim vor. Daniel stimmte ihm zu.
„Warum denn bauen?“ sagte der
Inhaber des Standes. „Ich habe doch schon alles vorbereitet!“ Mit diesen Worten
griff er in eine Kiste unter dem Tisch und holte einen Joint hervor. „Bitte!“
sagte er. „Lasst es Euch schmecken!“
Die drei Freunde gingen auf die
Empore, setzten sich in die erste Stuhlreihe und genossen die Tüte. Von hier
hatten sie einen tollen Überblick über alle Stände im Saal.
„Schaut mal da hinten!“ sagte
Daniel und wies auf eine Stelle nahe der gegenüber liegenden Leinwand. Dort
bewegte sich eine Bauchtänzerin zu orientalischen Rhythmen um einen Springbrunnen.
Dieser Springbrunnen war etwa drei Meter hoch und bestand aus vier
unterschiedlichen Ebenen, die wie gläserne Schüsseln übereinander aufgereiht
waren. Aus der oberen Schale rann das Wasser in die darunter liegende, von der
in die darunter. Aus dem Wasser ragten verschiedene farbige Schläuche heraus,
an deren Enden einige Punks saugten und bestes Haschisch inhalierten.
„Das ist eine Wasserpfeife!“
stellte Thomas fest.
„Das ist ja der Hammer!“ gab ihm
Steingrim Recht. „Los hin!“
Die drei Freunde sprangen auf und
eilten hinunter zur überdimensionalen Shisha. Die schoben sich durch die
Menschenmassen, drängten an Ständen aus Afghanistan, Jamaika und Nepal vorbei.
Steingrim vernahm Gesprächsfetzen zwischen Ausstellern und zukünftigen
Coffeeshopbetreibern. „Ich nehme drei Kilogramm vom Afghani Hindu Kush
und vier Kilo Superskunk“ hörte er gerade einen dürren Rastafari
sagen. Sein Blick fing ein Schachbrett ein, dessen Figuren aus reinstem
Haschisch geschnitzt waren. Überall lagen Probierjoints auf Tellern und wurden
ständig nachbestückt. Die edelsten Gerüche erfüllten den Raum. An einem
algerischen Stand flimmerte ein Fernseher, der die Ernte des letzten Jahres
dokumentierte. Die Erntehelfer gingen mit Macheten durch mannshohe
Marihuanafelder und säbelten Pflanzen ab, die sie dann auf der Schulter davon
trugen und dabei fröhlich lachten. Sie gelangten an den Stand mit der riesigen Shisha.
Die Punks saßen inzwischen völlig
breit daneben und lallten vor sich hin. „Eh Ratte, hast Du schon diesen bunten
Vogel gesehen, der die ganze Zeit hier rumfliegt?“
„Nee, ich beobachte die
fliegenden Fische. Ich wusste gar nicht, dass die reden können...“
Thomas nahm sich als erster einen
Schlauch und zog daran.
„Mann, ist das gut!“ sagte er zu
Steingrim.
„Gib mal her!“ Steingrim zog und
schmeckte eine leichte, süßliche Kaffeenote. Es musste sich also wieder um eine
orientalische Haschischsorte handeln. In diesem Moment ging das Licht im Saal
aus. Einen Augenblick später dröhnte laute Reggaemusik aus den Boxen. Steingrim
bemerkte, wie sich alle Leute zum Eingang drehten. Auch Daniel und Thomas
reckten ihre Hälse in diese Richtung.
„Was ist denn da los?“ fragte
Steingrim.
„Da kommen Frauen mit Tabletts.“
antwortete Thomas.
Jetzt erkannte auch Steingrim,
was die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zog. Sechs braun gebrannte
junge Frauen in der für die Karibik typischen Blumentracht bahnten sich
hintereinander einen Weg durch die Menschenmenge. Sie trugen bunte Tabletts vor
sich her, auf denen Berge fertig gebauter Joints lagen. Sie hielten die
Tabletts einladend allen Besuchern hin, bis sich jeder eine Tüte genommen
hatte. Dann betrat ein Rastamann die Bühne vor der Leinwand und hielt ein
Mikrofon in der Hand. Er trug einen Umhang in den Farben Jamaikas, wartete, bis
alle Joints verteilt waren und die Musik verstummte.
„Liebe Freunde, liebe Besucher!“
begann er.
„Im Namen der Federation Of
Peace freue mich, Ihnen heute unsere neue Cannabissorte Ultra Jemmy
vorstellen zu dürfen, von der Sie hoffentlich alle eine Probe abbekommen
haben.“
Die Leute klatschten, johlten und
zeigten ihre Tüten. Scheinbar hatten alle einen Joint von den Tabletts
genommen. „Es ist das beste Gras, was wir jemals produziert haben!“ sagte der
Typ stolz. „Der THC-Anteil konnte immens gesteigert werden, aber überzeugen Sie
sich bitte selbst davon!“ Damit nahm er sein Feuerzeug und zündete sich selbst
eine Tüte an. Alle im Saal machten es ihm gleich, der DJ begann wieder
beschwingte Reggaerhythmen aufzulegen. In den kommenden Minuten füllte sich das
UT Connewitz so sehr mit blauem Dunst, dass man die gegenüber liegende
Wand nicht mehr erkennen konnte und sich der Qualm unter der Decke zu dickem
Nebel verdichtete. Nach den ersten Zügen begannen die Leute, im Takt der Musik
zu wippen. Dann tanzten sie immer ausgelassener, sprangen herum, pfiffen und
kreischten. Eine Frau mit langem blonden Haar kletterte auf die Bühne zu dem
Rastamann und tanzte im Kreis um ihn herum. Dann zog sie ihre Bluse aus und
schwang sie über ihrem Kopf. Ihr praller Vorbau wippte groovend im Takt.
Andere Leute vor der Bühne machten es ihr nach und
entledigten sich ihrer Oberbekleidung. Die Menschen flippten immer mehr aus.
Sie tobten und sprangen wie wild gewordene Katzen, die mit einem Wollknäuel
spielten, umher. Wildfremde Menschen fassten sich an den Händen, vereinten sich
zu Kreisen, hoben und senkten die Arme als ob sie zu einem Gott beten würden.
Woodstock war ein Scheißdreck gewesen!