2008 erschienen
Zur Rezension auf das Bild
klicken
Das Benefiz für eine Gedenkplatte in der Leopoldstraße für
Steffen "Thümi" Thüm

Die nächsten Tage nutzte Steingrim, um die erste Connewitzer Hanfmesse vorzubereiten. Mehrere Niederländische Vertriebsfirmen für Marihuanaprodukte wollten den zukünftigen Betreibern von Coffeeshops ihre Produkte vorstellen und erste Geschäftsbeziehungen knüpfen. Sie hatten sich mit Steingrim in Verbindung gesetzt und nach geeigneten Lokalitäten gefragt. Letztendlich hatte man sich aufgrund der Räumlichkeiten und der zentralen Lage für das UT Connewitz entschieden. Connewitz gehörte zwar pro forma noch zu Deutschland, wo Marihuanaprodukte verboten waren, allerdings hatten sich die Gesetzeshüter schon vor Wochen aus dem Stadtteil zurück gezogen. Damit war der Weg für die Hanfmesse frei.

Mit Hilfe einer saftigen finanziellen Spritze aus Holland konnte das UT Connewitz in drei Wochen harter Arbeit saniert und modernisiert werden. Das Dach war neu gedeckt und die Inneneinrichtung ähnelte der Originalausstattung von 1900 bis ins kleinste Detail. Sogar Experten des Denkmalsschutzes hatten mit Hand angelegt und die Einrichtung detailgetreu nachgebildet. Nach mehreren Jahrzehnten des Dahindämmerns war das UT wieder eine Perle geworden.

Die Besucher strömten in Scharen zum schillernden Lichtspielhaus. Am Eingang bildeten sich lange Schlangen, die bis um die Ecke in die Selnecker Straße reichten. Vor dem UT Connewitz parkten verschiedene Luxuslimousinen mit exotischen Kennzeichen, darunter ein brauner Bentley, drei Ferrari und ein weißer Lamborghini.

Im Inneren hatten Vertreter verschiedener Marihuanaproduzenten Stände errichtet, auf denen sie Proben anboten. Auf Steingrims Drängen hin konnten auch Händler aus entfernten Erdteilen bei der Hanfmesse mitwirken. Gleich am Eingang befand sich der Stand eines kleinen Marokkanischen Familienbetriebes. Auf der weißen Tischdecke standen geschnitzte Holztellerchen mit wunderschönen Verzierungen, die afrikanische Riten symbolisierten. Auf den Tellern lagen kleine Würfel reinsten, dunklen Haschischs. Die Familienmitglieder hatten in die Würfel winzige Muster gekerbt. „Das ist fast zu Schade, um es zu rauchen!“ sagte Steingrim zu Daniel. Beide standen fasziniert um die Teller und bestaunten die Würfel.

„Eh, kommt mal rüber!“ hörten sie Thomas rufen und drehten sich um. Thomas stand an einem Tisch in der Mitte des Raumes und winkte ihnen herüber. Steingrim lächelte die Marokkanerin an und nickte ihr anerkennend zu. Dann gingen sie zu Thomas. „Guckt Euch mal das hier an!“ sagte er freudestrahlend. Steingrim erblickte ein silbernes Tablett in der Mitte des Tischs. Um das Tablett lagen exotische Blumen und bildeten ein buntes Muster. Auf dem Tablett hatten die Aussteller verschiedene Sorten Cannabis ausgebreitet. Die Blüten schillerten in den schönsten Farben. Den äußeren Rand bildeten dunkle, lilafarbene  Blüten, einen Kreis weiter innen hatte man hellrote Blüten aufgereiht, als nächstes kamen grüne Blüten und im Zentrum lag ein tellergroßes Stück Schwarzer Afghane, das man zu einer Rose modelliert hatte. Die äußeren Ränder der schwarzen Blütenblätter waren mit hellem Pollenstaub benetzt und schillerten unter der Licht des Scheinwerfers fantastisch. Im Inneren der Rose lag eine purpurfarbene Kugel. „Das ist die Perle des Orients.“ erklärte der Inhaber des Standes stolz. „Sie darf nur von Jungfrauen geformt werden!“

Er sprach mit starkem Akzent. Der Mann trug einen dunkelroten Turban über dem schwarzen Haar und einen langen Vollbart im Gesicht. Sein Körper steckte in einem weißen Talar. Neben ihm stand ein bildhübsches Mädchen mit langen schwarzen Haaren, die zu einem Zopf geflochten waren. Sie trug ein mit goldener Seide besetztes Kleid, an dessen Ärmeln weiße Perlen hingen. Das Mädchen war um die sechzehn Jahre alt und lächelte die drei Freunde mit strahlend weißen Zähnen an. „Ich rolle die Kugeln des Schwarzen Afghanen so lange in den Händen, bis sie sehr weich sind.“ sagte das Mädchen. „Dann bette ich sie in den Pollen des Roten Libanesen, bis sie von allen Seiten beschichtet sind.“

„Das ist ja wie beim Schnitzelmachen...“ sagte Daniel und erntete fragende Blicke.

„Wie meinst Du das?“ fragte ihn Thomas.

„Na, da wird doch das Fleisch auch in Mehl gewälzt, bis es überall weiß ist.“ antwortete er.

„Ach so.“ sagte Thomas und blickte wieder zu dem Mädchen.

„Als nächstes lasse ich die Kugeln einen Tag in der Sonne liegen.“ sprach sie weiter. „Dadurch verbinden sich die Seelen des Haschischs.“

„Machst Du das alles selber?“ fragte Steingrim.

„Ja“ antwortete sie. „Mein Vater besorgt das Material.“

„Dann hätte ich gern eine Perle!“ sagte Thomas und blickte dem Mädchen verliebt in die haselnussbraunen Augen.

„Und wie geht es weiter?“ mischte sich Steingrim ein.

„Nach einem Tag, wenn sich die Seelen ausgetauscht haben, massiere ich den Pollen in die Kugel ein.“

Inzwischen hatte sich eine Traube neugieriger Besucher um den Stand versammelt, die ihre Hälse reckten und dem Mädchen beeindruckt lauschten.

„Wie heißt Du eigentlich?“ wollte Daniel wissen.

„Das ist meine Tochter Nuray.“ schritt der Vater ein.

„Das bedeutet Mondlicht.“ ergänzte das Mädchen und lächelte.

„Meine Vorfahren stammen ursprünglich aus Sansibar, wir leben aber wie Nomaden und ziehen auf der Suche nach gutem Haschisch und Marihuana umher.“ erklärte sie weiter.

„Wie viele Schichten hat die Perle des Orients eigentlich?“ wollte Steingrim wissen.

„Es sind vier Schichten. Wenn sich der Pollen mit dem Afghanen vermengt hat, wird die Kugel in Zauberhonig getaucht.“ antwortete sie. Alle schauten das Mädchen erstaunt an. Darüber musste sie herzhaft lachen. Auch ihr Vater begann zu schmunzeln.

„Was denn für Zauberhonig?“ fragte Thomas.

„Was wir Zauberhonig nennen, kann man sich als flüssiges Haschischkaramell vorstellen. Dazu nehmen wir Pollen der saftigsten Pflanzen aus dem Bekaa-Tal, machen sie flüssig und tauchen die Kugeln hinein.“

„Erinnert mich an kandierte Schokoäpfel vom Weihnachtsmarkt.“ stellte Steingrim fest.

„Stimmt.“ gab sie ihm Recht.

„Sag mal, wer kann sich denn so etwas überhaupt leisten?“ fragte Daniel. Jetzt ergriff der Vater das Wort: „Unsere Kunden stammen aus den höheren Schichten. Wir liefern viel nach Hollywood, London, Mailand, New York...“

„Da dürfte Connewitz als Absatzgebiet aber nicht in Frage kommen.“ stellte Steingrim fest.

„Was würde diese Perle denn kosten?“ fragte Thomas. Er hätte zu gern davon probiert.

„Der Preis ist Verhandlungssache, aber ein Kleinwagen ist sie schon wert.“ sagte der Vater.

„Na dann viel Erfolg.“ bemerkte Steingrim und drehte sich zum Gehen.

„Alles Gute!“ sagte Thomas.

„Ich wünsche Euch viel Glück!“ verabschiedete sich auch Daniel und schenkte dem Mädchen einen letzten, verliebten Blick.

Einige Meter weiter links stand ein Pakistani hinter einem Tisch und lächelte die drei Freunde einladend an. Auf der gestickten grünen Decke mit einem weißen Halbmond und einem Stern darüber lagen dunkle, runde Haschischstücke. Sie sahen aus wie Pucks beim Eishokey. Auf der Oberfläche waren Stempelabdrücke sichtbar. Steingrim versuchte vergeblich die orientalischen Schriftzeichen zu entziffern. „Was bedeutet denn der Stempel?“ fragte er den Mann.

„Bedeutet aller erste Qualität! Sehr gut!“ antwortete der.

„Und woher stammen die?“ fragte Thomas.

„Von Peshawar, einem Stamm am Khaiberpass.“

„Das liegt doch im Hindukush zwischen Afghanistan und Pakistan, stimmts?“ sagte Thomas. „Davon habe ich schon viel gehört.“

„Stimmt.“ gab ihm der Pakistani Recht. „Dort nur bekommen bestes Haschisch der Welt!“

Thomas drehte sich zu Steingrim und sagte: „Das ist wirklich das reinste Gold! Die haben drei unterschiedliche Qualitätsstufen. Die Beste ist unbezahlbar!“

„Und wieso?“

„Die Afridi – so nennen sich die Bewohner des Peshawartals - schneiden die ersten Spitzen der Pflanzen ab, zerstückeln sie, wickeln das ganze in Ziegenhäute und vergraben es. Nach einiger Zeit legen sie das gehackte Cannabis in große Pfannen, die über einem Feuer erhitzt werden. Dann lassen sie riesige, tonnenschwere Steinkugeln auf die Blüten nieder sausen und ein brauner, dicker Brei entsteht. Durch die Hitze wird der Brei schön flüssig und in Holzformen gegossen.“

„Und das hier sind dann die fertigen Dinger?“ fragte Daniel.

„Das bestes Haschisch!“ sagte der Pakistani stolz und ließ seine weißen Zähne aufblitzen. „Beste Qualität von ersten Blüten sein 100mal teurer als Haschisch von dritter Blüte.“

„Aha.“ sagte Steingrim beeindruckt.

„Und am Ende kommen die Stempel drauf.“

Sie gelangten an den Stand eines Niederländischen Großhändlers aus Eindhoven.

„Endlich mal normales Gras!“ sagte Thomas.

Der Inhaber hatte zwei getrocknete Pflanzen an einen Mikrofonständer gebunden. Sie dufteten herrlich. „Nehmt Euch reichlich!“ rief er. „Ich habe noch mehr davon.“

Thomas brach sich eine Blüte ab, hielt sie sich unter die Nase und sagte:

„Fetter Skunk!“

„Du könntest ja mal einen bauen!“ schlug Steingrim vor. Daniel stimmte ihm zu.

„Warum denn bauen?“ sagte der Inhaber des Standes. „Ich habe doch schon alles vorbereitet!“ Mit diesen Worten griff er in eine Kiste unter dem Tisch und holte einen Joint hervor. „Bitte!“ sagte er. „Lasst es Euch schmecken!“

Die drei Freunde gingen auf die Empore, setzten sich in die erste Stuhlreihe und genossen die Tüte. Von hier hatten sie einen tollen Überblick über alle Stände im Saal.

„Schaut mal da hinten!“ sagte Daniel und wies auf eine Stelle nahe der gegenüber liegenden Leinwand. Dort bewegte sich eine Bauchtänzerin zu orientalischen Rhythmen um einen Springbrunnen. Dieser Springbrunnen war etwa drei Meter hoch und bestand aus vier unterschiedlichen Ebenen, die wie gläserne Schüsseln übereinander aufgereiht waren. Aus der oberen Schale rann das Wasser in die darunter liegende, von der in die darunter. Aus dem Wasser ragten verschiedene farbige Schläuche heraus, an deren Enden einige Punks saugten und bestes Haschisch inhalierten.

„Das ist eine Wasserpfeife!“ stellte Thomas fest.

„Das ist ja der Hammer!“ gab ihm Steingrim Recht. „Los hin!“

Die drei Freunde sprangen auf und eilten hinunter zur überdimensionalen Shisha. Die schoben sich durch die Menschenmassen, drängten an Ständen aus Afghanistan, Jamaika und Nepal vorbei. Steingrim vernahm Gesprächsfetzen zwischen Ausstellern und zukünftigen Coffeeshopbetreibern. „Ich nehme drei Kilogramm vom Afghani Hindu Kush und vier Kilo Superskunk“ hörte er gerade einen dürren Rastafari sagen. Sein Blick fing ein Schachbrett ein, dessen Figuren aus reinstem Haschisch geschnitzt waren. Überall lagen Probierjoints auf Tellern und wurden ständig nachbestückt. Die edelsten Gerüche erfüllten den Raum. An einem algerischen Stand flimmerte ein Fernseher, der die Ernte des letzten Jahres dokumentierte. Die Erntehelfer gingen mit Macheten durch mannshohe Marihuanafelder und säbelten Pflanzen ab, die sie dann auf der Schulter davon trugen und dabei fröhlich lachten. Sie gelangten an den Stand mit der riesigen Shisha.

Die Punks saßen inzwischen völlig breit daneben und lallten vor sich hin. „Eh Ratte, hast Du schon diesen bunten Vogel gesehen, der die ganze Zeit hier rumfliegt?“

„Nee, ich beobachte die fliegenden Fische. Ich wusste gar nicht, dass die reden können...“

Thomas nahm sich als erster einen Schlauch und zog daran.

„Mann, ist das gut!“ sagte er zu Steingrim.

„Gib mal her!“ Steingrim zog und schmeckte eine leichte, süßliche Kaffeenote. Es musste sich also wieder um eine orientalische Haschischsorte handeln. In diesem Moment ging das Licht im Saal aus. Einen Augenblick später dröhnte laute Reggaemusik aus den Boxen. Steingrim bemerkte, wie sich alle Leute zum Eingang drehten. Auch Daniel und Thomas reckten ihre Hälse in diese Richtung.

„Was ist denn da los?“ fragte Steingrim.

„Da kommen Frauen mit Tabletts.“ antwortete Thomas.

Jetzt erkannte auch Steingrim, was die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zog. Sechs braun gebrannte junge Frauen in der für die Karibik typischen Blumentracht bahnten sich hintereinander einen Weg durch die Menschenmenge. Sie trugen bunte Tabletts vor sich her, auf denen Berge fertig gebauter Joints lagen. Sie hielten die Tabletts einladend allen Besuchern hin, bis sich jeder eine Tüte genommen hatte. Dann betrat ein Rastamann die Bühne vor der Leinwand und hielt ein Mikrofon in der Hand. Er trug einen Umhang in den Farben Jamaikas, wartete, bis alle Joints verteilt waren und die Musik verstummte.

„Liebe Freunde, liebe Besucher!“ begann er.

„Im Namen der Federation Of Peace freue mich, Ihnen heute unsere neue Cannabissorte Ultra Jemmy vorstellen zu dürfen, von der Sie hoffentlich alle eine Probe abbekommen haben.“

Die Leute klatschten, johlten und zeigten ihre Tüten. Scheinbar hatten alle einen Joint von den Tabletts genommen. „Es ist das beste Gras, was wir jemals produziert haben!“ sagte der Typ stolz. „Der THC-Anteil konnte immens gesteigert werden, aber überzeugen Sie sich bitte selbst davon!“ Damit nahm er sein Feuerzeug und zündete sich selbst eine Tüte an. Alle im Saal machten es ihm gleich, der DJ begann wieder beschwingte Reggaerhythmen aufzulegen. In den kommenden Minuten füllte sich das UT Connewitz so sehr mit blauem Dunst, dass man die gegenüber liegende Wand nicht mehr erkennen konnte und sich der Qualm unter der Decke zu dickem Nebel verdichtete. Nach den ersten Zügen begannen die Leute, im Takt der Musik zu wippen. Dann tanzten sie immer ausgelassener, sprangen herum, pfiffen und kreischten. Eine Frau mit langem blonden Haar kletterte auf die Bühne zu dem Rastamann und tanzte im Kreis um ihn herum. Dann zog sie ihre Bluse aus und schwang sie über ihrem Kopf. Ihr praller Vorbau wippte groovend im Takt.

Andere Leute vor der Bühne machten es ihr nach und entledigten sich ihrer Oberbekleidung. Die Menschen flippten immer mehr aus. Sie tobten und sprangen wie wild gewordene Katzen, die mit einem Wollknäuel spielten, umher. Wildfremde Menschen fassten sich an den Händen, vereinten sich zu Kreisen, hoben und senkten die Arme als ob sie zu einem Gott beten würden. Woodstock war ein Scheißdreck gewesen!